Texte zur Verlegung – Paul Hirsch

Wir erinnern an Paul Hirsch

Text zur Verlegung am 24.11.2016

Fin Schmidt, Schüler des Gymnasiums Thomaeum (Lehrer Dr. Johannes Vossen)

Paul Hirsch wurde am 2. August 1909 in Kempen geboren;  als Sohn von Isidor Hirsch, einem Metzgermeister, der an der Peterstraße eine florierende Metzgerei betrieb. Als Paul 1924 mit 15 die achtjährige Schulpflicht am Thomaeum erfüllt hatte, stellten seine Eltern ihn vor die Wahl, entweder bessere Zeugnisse nach Hause zu bringen oder im väterlichen Geschäft mitzuarbeiten. Seine Antwort: „Die Bücher ins Regal, und her mit der Metzgerschürze!“ Ab 1935 führten er und sein Bruder Leo die Metzgerei als Geschwister Hirsch und genossen bald bei den Kempenern hohes Ansehen.

Am Vormittag des 10. November 1938 stecken Kempener SA-Männer die Synagoge an der Umstraße in Brand und verwüsten die jüdischen Wohnungen und Geschäfte, während die Kempener Polizei alle jüdischen Männer verhaftet. Paul Hirsch überraschen sie auf der Straße beim Einkaufen, seinen Bruder Leo bekommen sie durch einen glücklichen Zufall nicht. Die jüdischen Männer werden zur alten, leerstehenden Polizeiwache gebracht und in eine Arrestzelle gepfercht. Von dort aus können sie durch die vergitterten Fenster die in Flammen stehende Synagoge sehen. Am darauf folgenden Tag bringt man sie nach Anrath ins Zuchthaus. Diejenigen, die 55 oder älter sind, werden nach kurzer Zeit entlassen; die jüngeren fahren ohne Verpflegung in einem Sonderzug nach Dachau bei München. In diesem Konzentrationslager verbringt Paul Hirsch eineinhalb schreckliche Monate unter menschenunwürdigen Verhältnissen.

Nach Paul Hirschs Entlassung aus Dachau am 30. Dezember 1938 beabsichtigten die beiden Brüder zunächst die Auswanderung nach Neuseeland; als dort die Anforderungen unerfüllbar wurden, wollten sie nach England. Ein Kempener Freund, Fritz Lambertz, der schon lange in den Niederlanden wohnte, wollte ihnen ein Einreisevisum nach England beschaffen. Am 1. September 1939 bestiegen sie den Zug nach Venlo. In der Morgenfrühe dieses Tages waren deutsche Truppen in Polen einmarschiert. Paul und Leo Hirsch wussten, das ihnen nicht viel Zeit verbleiben würde, bis England dem deutschen Reich den Krieg erklärte und somit auch den Schiffverkehr über den Kanal einstellte. Am Samstagmorgen, 2. September 1939, stachen die beiden mit der letzten Fähre in See.

Nach acht Jahre harter Arbeit und eisernem Sparen kauften sich die beiden Brüder einen Bauernhof in der Grafschaft Kent. Paul zog 1954 nach Dublin und von da aus weiter nach Seattle in den USA, wo er am 22. Oktober 2005 im Alter von 96 Jahren starb, umgeben von einer großen Familie.